Einsiedler vs. Social Media Wahnsinn

Leben am Akkulimit

Das kennt ihr bestimmt auch – manchmal hat man das Bedürfnis sich einfach mal komplett von der Außenwelt zurückzuziehen, förmlich unterzutauchen und dem Kommunikationswahnsinn zu entfliehen. Zu viele Dinge halten uns oft auf Trapp, täglich werden wir mit Reizen überflutet, viele rote Zahlen zieren unseren Apps und in Form von E-Mails, Social Media und WhatsApp Nachrichten werden wir über alles und jeden am Laufenden gehalten. Die Nachrichten aus aller Welt ziehen uns in den Bann, beschäftigen uns und Newsletter und Posts informieren, lehren und unterhalten uns. Meistens ist das ja durchaus gewünscht und vor allem als Blogger ein wesentlicher Bestandteil des Alltags, aber manchmal will unser Smartphone einfach so gar nicht aufhören, unsere Aufmerksamkeit zu fordern. Blinkend, vibrierend, klingelnd oder singend, schreit es förmlich nach uns als würde es sagen: „Hallo ich bin auch noch hier!“. Es fehlt gerade noch, dass Siri uns nicht ermahnt und beleidigt ist, wenn wir ihr zu wenig Anerkennung schenken. Kommt bestimmt noch…

Allerdings nicht nur unser Smartphone, sondern auch unterwegs, in der Arbeit oder in der Freizeit fordern Gespräche und Kommunikation viel Aufmerksamkeit und auch Energie von uns und oft fühlen wir uns nach einem langen Tag wie ein leerer Akku. Die %-Anzeige fehlt noch auf der Brust, wenn die kritische 10% Marke erreicht ist – Stromsparmodus aktivieren? Blöd nur, dass meistens der auch nicht mehr ewig funktioniert. Rauf auf die Couch schafft man es meist noch, aber dann sind die Energiereserven endgültig erschöpft. Da hilft nur die Ladestation Bett oder manchmal ein Powerbag für zwischendurch.

Entschleunigung und Offline-Modus

Nach einer stressigen Zeit hilft oft nur Entschleunigung. Wie auch schon in meinem letzten Artikel beschrieben, ist dies allerdings kein kurzfristiges Projekt. In erster Linie braucht man einen gewissen Abstand und muss die Vogelperspektive einnehmen, um aus dem Hamsterrad auszubrechen. Weiters sollte man jedoch einen Weg finden, um nach der Auszeit, dem Urlaub oder nach einem entspannten Wochenende nicht sofort wieder im gleichen Alltagswahnsinn zu landen.

Meine erster Tipp zum Thema Entschleunigung ist daher bewusst eine kleine oder große Auszeit zu nehmen und dabei unbedingt in den Offline-Modus zu schalten. Egal, ob im Süden am Strand oder unterwegs im Heimatort in der Natur.

1.) Offline. Handy aus, Musik aus, Welt aus. Ja, es fällt nicht immer leicht, aber wir müssen nicht immer rund um die Uhr unsere Nachrichten und E-Mails checken oder ständig erreichbar sein. Im Urlaub am besten das Handy im Zimmer lassen oder zu mindestens den Offline-Modus aktivieren. Unsere Eltern haben früher ihr Leben ganz ohne Handy gemeistert, also sollte dies zuminderst auch für ein paar Stunden möglich sein ;-). Und wer weiß, welche Wege man entdeckt, wenn man ausnahmsweise mal nicht das Navi zur Hand nimmt oder welche Dinge und Begegnungen man ganz ohne Ablenkung bewusst erfährt. Vielleicht hilft uns die Offline-Zeit auch dabei, auf ein paar unserer Push-Nachrichten zu verzichten, bei manchen Apps würde das vielleicht ganz und gar nicht schaden.

2.) Lieblingsorte. Ist der Offline-Modus einmal geschafft, ist es schön, sich an einen ruhigen und ungestörten Ort zurückzuziehen. Vielleicht gibt es einen, den man immer wieder gerne aufsucht oder vielleicht wird es einfach Zeit, einen neuen Lieblingsort zu entdecken? Auch ich habe einige Orte, wo ich mir, wenn auch nur für ein paar Minuten, gerne eine Auszeit vom Alltag gönne. Nach meinem Umzug wird es jedoch Zeit, einen neuen Lieblingsplatz zu küren. Vielleicht ein Ziel meiner nächsten Erkundungstour. Idealerweise gönnt man sich täglich ein paar Momente der Ruhe, um kurz den Stress und die Hektik hinter sich zu lassen. Auch im Urlaub entdecken wir Orte, an die wir uns gerne zurückerinnern. Wie wär’s mit einem Foto davon am Schreibtisch, wo man auch im Büro immer wieder Mal Erinnerungen wecken und sich gedanklich dorthin zurückziehen kann?

3.) Zeit lassen und Gelassenheit. Zeit ist in meinen Augen das wertvollste Gut unserer Gesellschaft. Viele von uns haben fast alles was das Herz begehrt und doch nichts davon, wenn die Zeit dafür fehlt, es zu genießen. Termine und Verpflichtungen drängen uns in ein enges Korsett und meist müssen die Dinge schnell und sofort erledigt werden. Wie wär’s sich einfach mal Zeit zu lassen? Wenn wir ehrlich mit uns sind, schaltet die rote Ampel auch nicht schneller auf grün, wenn wir sie böse anstarren und uns stressen. Auch die alte Dame vor uns an der Kasse zählt ihre Münzen höchstens noch langsamer, wenn wir unruhig von einem Bein auf das andere hüpfen. Ja, vielleicht sollten wir manche Dinge nicht so eng sehen und selbst mal unsere Münzen an der Kasse hervorkramen und uns dabei Zeit lassen. Mit aller Ruhe in die Arbeit fahren, egal wie der Verkehr ist und dabei unsere Lieblingslieder hören oder entspannt Frühstücken oder Abendessen und einfach mal langsam gehen anstatt zu hetzen, wenn wir es eilig haben. So viel Zeit muss sein.

4.) Stille. Meist sind wir ständig begleitet von Geräuschen, die wir oft gar nicht mehr wahrnehmen. Stimmen, Lachen, Musik, Nachrichtensender, Schritte, Straßenlärm, … Mit  Stille sind wir meist nur selten konfrontiert und diese ist etwas Ungewohntes. Vielleicht macht sie uns im ersten Moment auch Angst. Keine Worte, die gesprochen werden müssen, kaum Geräusche, die uns ablenken, keine Musik, die in unseren Ohren klingt und doch sollten wir uns öfter darin zurückziehen und dort Kraft tanken. Nur ein Orchester der Stille. Geräusche sind auch nicht gleich Geräusche. In der Natur wird die Stille meist nur durch das Zwitschern der Vögel, durch das Plätschern von Wasser oder durch das Rascheln der Blätter im Wind begleitet. Stille beruhigt und lädt unsere Energiereserven wieder auf, anstatt diese zu strapazieren.

Der Einsiedler am Palfen

Erst letzte Woche war ich an einem solchen Ort der Stille. In Saalfelden führt ein kleiner, ruhiger Wanderweg in nur ca. 30 Minuten zur sogenannten Einsiedelei am Palfen. Der „Weg der Stille“ führt vorbei am Schloss Lichtenberg und schlussendlich bis zu einem kleinen Häuschen in der Felswand, wo schon seit Jahren (schriftlich festgehalten seit 1558) und noch weit über den christlichen Brauch hinaus, sogenannte Eremiten ihre Sommermonate verbringen. Alleine und ohne jeglichen Schnickschnack wohnen die Einsiedler in der Klause mit der Adresse Einsiedelei Nr. 12. Das W-LAN da oben muss echt mies sein. Die kleine Kapelle ruht andächtig neben der Felshöhle und enthält auch ein Schild mit der Liste der Eremiten seit 1700. Viele dieser verbringen mehrere Jahre hintereinander ihr Leben dort oben, mit Sicherheit oft einsam, in Ruhe und nur manchmal von Wanderern oder Touristen besucht. Schade, dass der Einsiedler an diesem Tag nicht in seiner Herberge auffindbar war, die Tür nur durch ein kleines Schloss versperrt, ein paar bunte Blumen im Garten und Holzscheitel ordentlich aufeinander gestapelt. Vermutlich nutzte er den christlichen Feiertag, um die Messe zu besuchen und für ein paar Stunden seinem Ort der Stille zu entfliehen. Lustig, ganz im Gegenteil zu mir. Eigentlich schade, ich hätte gerne ein paar Worte mit dem Einsiedler gewechselt und ihn nach seinem W-LAN Passwort gefragt. Nein Spaß, natürlich nicht. Mich hätte nur zu sehr interessiert, wie er seinen Alltag bewältigt, mit welchen Mitteln er kocht, wie er seine Zeit verbringt und wie es ihm da oben so ergeht. Ob er die Kommunikation vermisst oder die Stille als treuen Freund liebgewonnen hat und wie er das Ganze ohne Social Media Wahnsinn meistert. Vielleicht irgendwann komme ich noch einmal vorbei, um ein bisschen Kraft zu tanken und kann ihm diese Fragen stellen. Vielleicht …

Natürlich muss man nicht gleich zum Einsiedler werden, aber so ein persönlicher Ort der Stille, ein bisschen mehr Gelassenheit und bewusste Offline-Zeiten können helfen, um die Akkus wieder aufzuladen und sind so dringend notwendig. Und wo findet ihr euren Ort der Stille?

Eure Lisa

2 Comments

  • Nephtyis 24. August 2016 at 12:56

    Oh ich verstehe nur zu gut. Ich habe da auch so meinen Lieblingsruheort, ohne Handyempfang, wenn du gucken willst: https://nephtyis.com/2016/03/01/schmuse-muse/
    Und auch so ziehe ich mich immer wieder zurück, lese, meditiere, begrenze mir die Internetzeit bzw erlaube mir dann nicht mehr am heutigen tag in Facebook zu gehen etc. Und es tut so gut 🙂
    Anbei noch ein Zitat dass ich derzeit nur allzu gerne verbreite:
    „Wir leben in einer Kultur, die komplett hypnotisiert ist von der Illusion der Zeit, in der der sogenannte ‚jetzige Moment’ nur noch gefühlt wird als unendlich kleiner Trennlinie zwischen der übermächtigen, alles verursachenden Vergangenheit und der allzu wichtigen Zukunft, die uns aufsaugt.
    Wir haben keine Gegenwart. Unser Bewusstsein ist nahezu vollständig mit Erinnerungen und Erwartungen beschäftigt. Wir verstehen nicht, dass es nie eine andere Erfahrung gab oder geben wird als die im Hier und Jetzt.
    So haben wir den Kontakt zur Realität verloren. Wir verwechseln die Welt, wie sie beschrieben und gemessen und über sie geredet wird mit der Welt, wie sie wirklich ist. Wir sind erkrankt an einer übertriebenen Faszination für Werkzeuge wie Namen und Zahlen, Symbole und Zeichen, Konzepte und Ideen.“

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    • gluecksmaedl 28. August 2016 at 20:45

      Hallo Eva, danke für dein Kommentar und das Teilen deines persönlichen Lieblingsplatzes. Sieht wirklich so aus, als könnte man dort in Ruhe Kraft tanken und auch die eine oder andere kreative Stunde verbringen.
      Viele schöne Offline-Stunden wünsche ich dir!

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